Viele Menschen gehen davon aus, dass Essverhalten etwas ist, das einfach „so ist“. Dass wir eben bestimmte Vorlieben haben, Hunger spüren oder eben nicht und dass das alles rein biologisch gesteuert ist. Doch die Wahrheit ist deutlich komplexer. Unser Verhältnis zu Essen, entsteht nicht nur im Körper, sondern vor allem in unserer Kindheit. Als Kinder lernen wir nicht nur, was wir essen, sondern auch wie, wann und warum. Essen ist von Anfang an mit Emotionen, Beziehungen und Regeln verbunden.
Vielleicht kennst du typische Sätze aus der Kindheit
„Iss deinen Teller leer, sonst scheint morgen die Sonne nicht.“
„Wenn du brav bist, bekommst du etwas Süßes.“
„Nicht weinen, hier hast du einen Keks.“
Solche Botschaften sind harmlos, prägen uns aber von Anfang an tief. Sie verknüpfen Essen mit Belohnung, Trost oder sogar Kontrolle. Essen wird dadurch nicht mehr nur eine Reaktion auf körperlichen Hunger, sondern ein Werkzeug im Umgang mit Gefühlen.
Besonders stark prägend sind wiederkehrende Situationen. Denk nur an den Geburtstagskuchen und das Gefühl als du die Kerzen ausblasen durftest. Die ganze Aufmerksamkeit gehörte in diesem Moment nur dir. Ein Eis als Trost nach einem schweren Tag. Die besonders gute Schokolade für eine gute Leistung, oder die Oma, die immer eine Tüte mit Süßigkeiten dabei hatte wenn sie zu Besuch kam. Aber auch das gemeinsame Familienessen am Sonntag. Diese Momente sind emotional wertvoll und genau deshalb speichert unser Gehirn: Essen = Geborgenheit, Liebe, Sicherheit, Trost.
Aber was ist denn daran so schlimm?
Grundsätzlich ist das nichts Negatives.
Im Gegenteil, diese Verknüpfungen sind ein Teil sozialer Bindung. Doch sie können später zu einem Problem werden.
Genau dann wenn Essen beginnt, Gefühle zu ersetzen.
Als Kinder haben wir zunächst ein sehr feines Gespür für Hunger und Sättigung. Wir essen wenn wir hungrig sind, und hören auf, wenn wir satt sind. Durch äußere Einflüsse überlagert sich mit der Zeit leider dieses natürliche Gefühl. Das passiert zum Beisiel durch feste Essenszeiten, egal ob man Hunger hat oder nicht. Auch die Regel dass aufgegessen werden muss oder wenn Essen als Belohnung oder Trost dient. Ebenso wie die kleinen Snacks die zur emotionalen Beruhigung herangezogen werden. So lernen wir unbewusst dass nicht unser Körper entscheidet, sondern Situationen, Regeln oder Gefühle.
Im Erwachsenenalter zeigt sich das oft ganz subtil. Du isst, obwohl du körperlich keinen Hunger hast. Du merkst erst sehr spät dass du eigentlich angespannt, gestresst oder traurig bist.
Diese Prägungen sind sehr mächtig und stark
Unser Gehirn speichert früh gelernte Verknüpfungen besonders intensiv. Alles, was mit Sicherheit, Belohnung oder Stressbewältigung zu tun hat, wird als wichtig abgespeichert. Essen ist dabei ein sehr effektives Mittel. Es ist schnell verfügbar, angenehm und sozial akzeptiert. Kein Wunder also, dass wir später unbewusst darauf zurückgreifen, wenn Emotionen schwer auszuhalten sind.
Kennst du das bei dir selber?
Dann darfst du verstehen dass der wichtigste Schritt ist, dir darüber bewusst zu werden. Nicht die Kontrolle darüber zu erlangen. Du musst nicht versuchen dein Essverhalten über Disziplin oder Diäten zu verändern. Solange du die eigentliche Ursache – die emotionale Verknüpfung – nicht erkennst, wiederholt sich das Muster immer und immer wieder.
Essanfälle, emotionales Essen und Heißhunger gehen ohne das Bewusstsein dafür niemals weg.
Eine neue Wahrnehmung über dein Verhalten öffnet dir einen Raum für Veränderung, ohne Druck und Verbot. Denn genau das sind Auslöser warum du so oft in diese Situation gerätst. Du darfst lernen andere Maßnahmen zu ergreifen um dein System zu beruhigen.
Unser Essverhalten beginnt nicht am Kühlschrank, sondern in der Kindheit. Dort entstehen die ersten Verbindungen zwischen Essen, Gefühlen und Beziehungserfahrungen
Das bedeutet aber auch: Diese Muster sind nicht unveränderlich. Sobald wir beginnen sie zu verstehen, können wir neue Wege gehen. Nämlich hin zu einer bewussteren, entspannteren Beziehung zum Essen und zu uns selbst.
